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Kurzgeschichte: Auch Engel können traurig sein

Weihnachten steht vor der Tür und in diesem Jahr habe ich ein ganz wunderschönes Geschenk für euch: Lehnt euch an den Feiertagen zurück, gönnt euch eine heiße Schokolade mit Sahne und genießt unsere Kurzgeschichte: „Auch Engel können traurig sein„. Die Geschichte basiert auf der Vorgeschichte von Michael, dem Protagonisten aus dem Buch „Dunkler Engel„. Wenn ihr das Buch bereits kennt, werdet ihr Michael noch ein bisschen besser kennen- und verstehen lernen. Solltet ihr es noch nicht gelesen haben, dann gefällt euch vielleicht unsere Kurzgeschichte und ihr könnt gleich weiterlesen …
In diesem Sinne wünschen wir euch von ganzem Herzen romantische Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2015, das euch Liebe, Glück und Gesundheit bringen soll!

Herzlich
Beth & Michelle

Auch Engel können traurig sein

 

sadangel_RZ6VxkhuClaire war wunderschön. Das schönste und anmutigste Wesen, das Michael je gesehen hatte. Oft saß er stundenlang in ihrer Nähe, beobachtete, wie sie kochte, abwusch oder draußen vor dem Haus saß und nähte. Dabei strahlte sie eine weibliche Sanftheit aus, die Michael berührte und etwas in seinem Innern veränderte. Manchmal folgte er Claire auch auf ihrem Weg in die Stadt, ging neben ihr her und bewunderte, wie gütig sie Brot an hungernde Kinder verteilte. Es war eine schwere Zeit, in der niemand genug zu essen hatte und trotzdem dachte Claire uneigennützig an andere. Sie war das glänzende Beispiel für Güte und Nächstenliebe. Jeden Tag stand die junge Frau noch vor dem Morgengrauen auf, um Wasser vom weit entfernten See für ihre gesamte Familie zu holen. Die schweren Eimer schnitten sich tief in ihre Hände und hinterließen nicht selten blutige Striemen auf ihrer zarten Haut. Ihr makelloser Charakter machte Claire nur noch schöner für Michael.

Sicherlich wäre sie irritiert gewesen, wenn sie gewusst hätte, wie oft Michael neben ihr stand und ihr am liebsten das Haar aus dem Gesicht gestrichen hätte. Claire hatte lange, kastanienbraune Haare, die ihr bis zu den Hüften reichten. Ihr Gesicht war schmal, ihre Lippen voll und manchmal sah sie mit ihren strahlend blauen Augen so intensiv in seine Richtung, dass er glaubte, sie könne ihn tatsächlich sehen. Aber das konnte sie natürlich nicht. Niemand konnte das.

Michael war ein Schutzengel und somit nur für seinesgleichen sichtbar. Oft war es eine einsame Existenz, vor allem deshalb, weil ihm genau das verboten war, was er hier tat.
Anders als die Menschen glaubten, hatte nicht jeder Sterbliche einen eigenen Schutzengel. Dafür waren sie viel zu wenige. Tatsächlich war es die Aufgabe jedes Engels, wachsam unter den Menschen zu verweilen und nur nach einem sehr komplizierten Kodex in ihr Schicksal einzugreifen. So kam jedem Schutzengel die Pflicht zu, auf viele Menschen gleichzeitig zu achten. Damit dies gewährleistet werden konnte, war es nicht gestattet, bei einer Person länger als unbedingt nötig zu verweilen – oder gar sich ihr verbunden zu fühlen! Jeder Mensch musste einem Engel am Herzen liegen, nur so konnte das System funktionieren.
Aber schon vor Tagen hatte Michael angefangen, diese Regel zu ignorieren. Er hatte zwar versucht, gegen seine Schwäche anzukämpfen, aber immer wieder waren seine Gedanken zu Claire abgeschweift. Immer öfter besuchte er sie, bis er schließlich blieb. Michael konnte vom Glück reden, dass das bisher noch niemandem aufgefallen war! Er wusste, dass Regelverstöße schwer bestraft wurden. Es drohten ihm Versetzung, Degradierung bis hin zu ewiger Isolation.

Nur wenige Tage später änderte sich für Michael alles. Wie jeden Morgen war Claire auf dem Weg zum See und Michael hatte sie still begleitet. Die Sonne war gerade aufgegangen und färbte den Himmel in ein wunderschönes Orange. Als Claire sich hinunter beugte, um den ersten Eimer durch das kühle Nass zu ziehen, war Michael ihr ganz nah. Wie gerne hätte er ihr geholfen und sie unterstützt! Plötzlich stockte sie mitten in der Bewegung und starrte auf das Wasser. Michael war irritiert, denn sie blickte genau dorthin, wo sein Spiegelbild zu sehen war, das normalerweise nur er wahrnehmen konnte. Sah sie es etwa? Konnte das möglich sein?

Claire drehte ihren Kopf herum und wieder zurück zum See. Da stand eindeutig niemand hinter ihr, was sie irritierte. Denn sie sah klar und deutlich einen Mann, der sich auf der Wasseroberfläche spiegelte. Er war groß, dunkelhaarig, muskulös und der Inbegriff männlicher Schönheit. Wenn sie ehrlich war, hatte sie so einen attraktiven Mann noch nie in ihrem Leben gesehen. Er sah aus, wie ein Ritter – oder gar ein König! Aber wie konnte es sein, dass sie etwas sah, das es eindeutig nicht gab? Spielte ihr das Bewusstsein einen Streich?

„Was geschieht hier?“, fragte sie zaghaft, weil ihr die Situation Angst machte. Auch Michael war auf einmal ganz erstarrt. In seinem gesamten Dasein hatte er nie davon gehört, dass Sterbliche Engel wahrnehmen konnten. Er sah Panik in Claires Augen und das verletzte ihn. Natürlich verstand er ihre Furcht, aber er würde ihr niemals etwas tun, das diese Angst rechtfertigen würde. Darum zog er die Mundwinkel nach oben und versuchte es mit einem freundlichen Lächeln. Natürlich bemerkte Claire dies sofort und ihre Augen weiteten sich erfreut. Mit einer Reaktion auf ihre Worte hatte sie nicht gerechnet. Davon ermutigt hob Michael die Hand, um ihr zu winken. Claires Augen wurden noch größer.
„Unglaublich“, hauchte sie fassungslos und lächelte ebenfalls. Sie drehte den Kopf noch einmal herum, um sicherzustellen, dass auch wirklich niemand hinter ihr stand. Als sie wieder auf die Wasseroberfläche des Sees blickte, war Michael noch immer da.
„Was bist du?“, fragte sie leise und beugte sich näher zur Wasseroberfläche hinunter, um die Gestalt vor ihr genauer betrachten zu können. Da Michael wusste, dass sie ihn nicht hören konnte, lächelte er entschuldigend und beugte sich ganz nah herunter, sodass er theoretisch Claires Schulter berührte. Natürlich spürte sie es nicht, allerdings sah sie die Berührung im Spiegelbild. Schüchtern blickte sie auf ihre Schulter, aber dort war nichts. Sie kicherte verlegen und Michael schmolz dahin.

Von diesem Tag an trafen sich die beiden immer wieder unten am See. Die Situation hatte jedes Mal etwas Magisches. Und obwohl die beiden nicht miteinander kommunizieren konnten, sprach Claire schier ununterbrochen mit Michael. Sie erzählte ihm von ihren Träumen und ließ ihn an ihren Gedanken teilhaben. Irgendwann bezeichnete sie ihn als ihren Schutzengel und gestand ihm, dass sie sich mit dem Wissen, ihn in ihrer Nähe zu haben, sehr geborgen fühlen würde. So ganz falsch lag sie mit ihrer Schlussfolgerung nicht.
Auch Michael genoss Claires Nähe, ihre Stimme und vor allem die Freude, die sie trotz ihres harten Lebens ausstrahlte. Zum ersten Mal fühlte sich Michael wahrgenommen und wertgeschätzt. Normalerweise lag es nicht in der Natur der Engel, nach Aufmerksamkeit zu streben, aber sie veränderte einfach alles.
Eines Morgens beugte sich Claire hinunter zur Wasseroberfläche, genau an die Stelle, an der sich seine Lippen spiegelten, und küsste ihn. Obwohl es kein echter Kuss gewesen war und die beiden sich nicht berührt hatten, hatten seine Lippen danach seltsam gekribbelt. Es war wie ein Zauber und doch traute sich keiner der beiden, ihre tiefe Verbundenheit, die sich zwischen ihnen entwickelt hatte, zu hinterfragen.

Michael wusste, dass alles im Leben der Menschen endlich war, auch wenn er es in Bezug auf Claire nicht wahrhaben wollte. Und so kam schließlich auch der Tag, an dem das Band zwischen ihm und Claire zerreißen musste. Ein bitterkalter Winter war über das Land gekommen und obwohl es bereits April war, machten Schnee und Eis die Bestellung der Felder unmöglich. Sämtliche Vorräte neigten sich dem Ende zu und alle Menschen in Claires Dorf litten schrecklichen Hunger. Auch Claire war ausgezehrt und abgemagert, was Michael nur schwerlich mitansehen konnte. Trotzdem hielt sie tapfer durch, schlug mit Steinen die Eisdecke des Sees auf und holte weiter täglich Wasser. Sie wusste, dass sie nicht aufgeben durfte und Michaels ermutigendes Lächeln half ihr dabei.
Als Claire, zwei Eimer Wasser schleppend, das Dorf erreichte, waren alle Menschen schrecklich aufgeregt. Man erzählte ihr, dass ein reicher Lehensherr aus benachbarten Ländereien im Dorfgasthaus Rast machte. Viele erhofften sich eine Besserung, da er durchaus noch über beachtliche Vorräte verfügte. Man spekulierte darauf, gute Geschäfte mit ihm machen zu können.

Doch die Menschen hofften umsonst, denn der Lehensherr war gierig und war nicht zum Verhandeln gekommen. Er stellte Forderungen, die kaum zu erfüllen waren. Für wenige Lebensmittel erwartete er die Übertragung von Ländereien. Doch wie würde die Zukunft aussehen, wenn die Bauern ihre Felder an ihn verlieren würden und fortan ihm dienen müssten? Claire war außer sich vor Wut, dass es einen Menschen auf Erden gab, der so besessen von Macht und Geld sein konnte. Wie jeden Morgen klagte sie Michael auch am Folgetag ihr Leid und er fühlte sich hilflos, weil er sie nicht trösten konnte.
Doch der Tag brachte noch viel größeres Unheil. Auch Claires Eltern gehörte ein Hof, der mehr schlecht als recht Ernten abwarf. Dennoch hatten sie ihr Glück versucht und mit dem wohlhabenden Besucher gesprochen. Mit Erfolg.
Vollkommen außer sich kam Claire weinend an den See gerannt und brach am schneebedeckten Ufer zusammen. Was war nur passiert? Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich soweit gefangen hatte, dass sie mit Michael reden konnte.

„Sie wollen mich verheiraten! Kannst du das glauben?“, wimmerte sie. „Und das nicht an irgendwen, sondern an den schlechtesten Menschen, den es auf dieser Welt gibt! Sie haben mich diesem schrecklichen Lehensherren versprochen. Sie sagen, es sei das Beste für mich und unsere Familie! Meine Eltern meinen, sie würden damit für unsere Zukunft sorgen. Jeden Widerspruch haben sie unterbunden. Es interessiert sie nicht, dass ich diesen Widerling nicht heiraten will. Alleine der Gedanke, dass er mich anfasst, lässt alles in mir erzittern!“
Claire schlug die Hände vor das Gesicht und fing wieder lauthals an zu schluchzen.
„So tu doch irgendwas! Hilf mir! Ich kann das nicht“, bat sie ihn. Aber was sollte Michael schon tun? Es stand nicht in seiner Macht, auf diese Weise in das Leben der Menschen einzugreifen. Ehen zu verhindern war keine Aufgabe der Engel! So sehr er ihr auch helfen wollte, ihm waren die Hände gebunden.
„So ein Leben will ich nicht!“, schrie sie schließlich.
Michael fühlte sich grauenhaft hilflos.
Plötzlich sprang Claire hysterisch auf und er bekam Angst.
„Ich kann das nicht! Ich ertrage den Gedanken an so ein Leben nicht. Sei mir nicht böse. Ich hoffe, dass wir uns auf der anderen Seite sehen. Bitte sei dort, fang mich auf. Lass mich nicht alleine. Du versprichst es doch, oder?“
Michael war vollkommen verwirrt. Was wollte sie von ihm? Von welcher anderen Seite sprach sie? Noch ehe er es begriff, warf sich Claire in den eiskalten See und rief ihm noch zu:
„Lass mich nicht im Stich.“

Michael war geschockt. Wollte Claire sich tatsächlich gerade das Leben nehmen? Wie unbedacht von ihr! Das Ganze konnte man sicherlich anders lösen – aber nun war es zu spät. Sie handelte, ohne nachzudenken, und nun würde sie alles verlieren.
Claires Kleider sogen sich sofort mit Wasser voll und zogen sie wie Bleigewichte nach unten. Ihr Körper verkrampfte sich ob der eisigen Kälte, doch sie kämpfte nicht dagegen an. Es hätte vermutlich auch wenig Sinn gemacht, da sie nicht schwimmen konnte.  Sie war bereits komplett untergetaucht, als Michael spürte, wie das Leben langsam aus ihrem Körper wich. Was sollte er bloß tun? Claire war so verzweifelt gewesen und voller Zuversicht, dass sie ihn treffen würde, wenn sie stürbe. Doch er würde nicht da sein. Das konnte er nicht. Schließlich war er ein Schutzengel und kein … Er schluckte schwer. Er war kein Todesengel. Aber er konnte einer werden. Noch nie hatte Michael dies ernsthaft in Erwägung gezogen. Das Dasein eines Todesengels war trostlos und einsam. Es bedeutete eine Ewigkeit voller Dunkelheit und Tod. Kein wirklicher Kontakt zu den Lebenden mehr – nur noch in den Momenten, wenn sie starben. Bei dem Gedanken zog sich in ihm alles zusammen. Aber wollte er Claire wirklich alleine lassen? Alleine in der Dunkelheit? Würde er sich dies jemals verzeihen können? Sie hatte ihm so viel Freude bereitet und hatte ihm mit ihrer Nähe ein unbezahlbares Geschenk gemacht. Wollte er sie jetzt wirklich im Stich lassen? Nein, so ein Schutzengel war er nicht. Lieber eine Ewigkeit in der Dunkelheit als eine Ewigkeit voller Schuldgefühle. Er schloss die Augen. Seine Entscheidung war getroffen.
Die Welt um Michael wurde schwarz, er fiel und wählte eine neue Existenz. Er würde fortan ein Todesengel sein – für alle Ewigkeit.

Aurel spürte Michaels Fall und tauchte augenblicklich auf, um ihn zur Rede zu stellen. Als Michael die Augen öffnete, sah er nur zeitlose Finsternis – und ihn, den Ältesten der sieben Todesengel.
„Bist du dir sicher?“, fragte Aurel skeptisch mit rauer Stimme. „Das ist keine leichtfertige Entscheidung, die man einfach so wieder rückgängig machen kann. Nur sehr selten hat ein Schutzengel freiwillig seinen Platz mit einem Todesengel getauscht. Und das aus gutem Grund.“
Michael wollte seine Bedenken nicht hören. Natürlich war er sich nicht sicher, aber er hatte sich entschieden. Er war es Claire schuldig. Also nickte er.
„Nun gut, dann wirst du den Platz mit Sariel tauschen. Es sei entschieden.“
Auf einmal wurde die Welt um Michael herum noch finsterer. Er hätte nie vermutet, dass das überhaupt möglich war. Aurel war nicht mehr zu sehen und in Michaels Innern breitete sich ein tiefer Schmerz aus, der immer stärker wurde, bis Michael es fast nicht mehr ertragen konnte.

Das goldene Licht, welches ihn normalerweise umgab, ließ nach, bis es schließlich vollkommen erlosch. Selbst seine Kleider, die stets rein und weiß gewesen waren, wurden nun schwarz. Aber nicht nur sein äußeres Erscheinungsbild veränderte sich, sondern auch seine inneren Kräfte. Er spürte, wie ihm etwas Essentielles entzogen wurde. Sein Licht. Für Michael fühlte es sich an, als würde er in ein tiefes Loch fallen. Und als das Gefühl des Fallens endlich vorüber war, war er nicht mehr er selbst. Das einzige, was unverändert war, waren seine nachtschwarzen Haare. Aber Michael hatte keine Zeit, sich mit seiner neuen Existenz auseinanderzusetzen, denn er musste Claire finden. Auch, wenn er noch nie einen Menschen beim Sterben begleitet hatte, so wusste er doch intuitiv, wo er hin musste. Es war, als würde die sterbende Seele ihn wie ein Magnet anziehen. Claires Körper strahlte hell in der alles umschließenden Finsternis. Das eisige Wasser hatte sie hinuntergezogen auf den Grund des Sees. Es war ein trauriger Anblick. Michael ertrug es kaum, sie so leblos zu sehen, da sie immer die pure Lebensfreude gewesen war.

Vor seinen Augen löste sich ihre Seele schließlich vom bewusstlosen Körper, die – wie ein Zwilling ihrer selbst – verwundert aufblickte. Sie staunte noch mehr, als sie Michael sah.
„Du bist hier“, flüsterte sie und Tränen traten in ihre Augen. Gleichzeitig überkam sie die Erkenntnis darüber, was gerade geschah. „Was habe ich nur getan?“
„Alles ist in Ordnung“, versuchte Michael sie zu beruhigen. „Ich werde dir helfen, dass du an einen besseren Ort kommst.“
Obwohl er das alles noch nie gemacht hatte, wusste er, dass es die Wahrheit war. Er streckte die Hand nach ihr aus und wollte sie mit sich ziehen, doch Claire schüttelte energisch den Kopf.
„Ich will nicht fort gehen. Ich will leben. Bring mich zurück!“
„Claire …“, hauchte Michael und sein Blick war flehend. „Bitte nicht. Mach es dir nicht unnötig schwer.“
„Wer bist du überhaupt?“, fragte sie nun skeptisch. „Bist du überhaupt mein Schutzengel?“
Nein, nicht mehr, dachte Michael betrübt und antwortete ihr: „Ich bin Michael und ich bin hier, um dir den richtigen Weg zu zeigen, damit du in der Dunkelheit nicht verloren gehst.“
„Michael …“, wiederholte sie leise. Trotzdem machte Claire keine Anstalten, seine Hand zu ergreifen.
Er trat einen Schritt näher an sie heran, um es ihr leichter zu machen, aber sie zuckte zurück.
„Fass mich nicht an!“, schrie sie. Dann rannte sie plötzlich planlos in die Dunkelheit.
Michael war über Claires Reaktion erschrocken. Er wusste nicht viel über Todesengel, aber er wusste, dass eine Seele für immer verloren war, wenn sie sich in der Dunkelheit verirrte. Dieses Schicksal wollte er für Claire auf keinen Fall! Darum machte er sich augenblicklich daran, sie zu suchen – auch, wenn das Ganze ausweglos erschien.

Minuten fühlten sich an wie Stunden, in denen er durch die Finsternis irrte, um Claires Seele zu finden. Bald würde das Licht ihrer Seele erlöschen, dann hätte er überhaupt keine Chance mehr, sie aufzuspüren. Er musste sich also beeilen. Die Dunkelheit war wie ein Irrgarten. Immer wieder durchquerte er endloses Schwarz, ohne an einen Anfang oder ein Ende zu stoßen. Doch irgendwann bemerkte er ein kleines Aufflackern in seinen Augenwinkeln. Sofort eilte er darauf zu. Obwohl er nicht mehr damit gerechnet hatte, Claire zu finden, kauerte sie plötzlich direkt vor ihm auf dem Boden und weinte. Sie war schon so durchsichtig, dass er  sie kaum mehr wahrnehmen konnte. Erleichterung machte sich in Michael breit.
„Claire …“, flüsterte er leise und sanft.
Sie blickte zu ihm auf, ihr Gesicht gezeichnet von Trauer.
„Ich kann nie wieder zurück, oder?“, fragte sie verzweifelt.
Michael nickte und Bedauern lag auf seinem Gesicht.
„Es tut mir sehr leid, Claire.“
Als Michael ihr dieses Mal die Hand reichte, ergriff sie sie.
Michael zeigte Claire den Weg ins Licht, hinaus aus dieser ewigen Dunkelheit. Einen Weg, den er selbst niemals würde gehen können.

Ihr wollt wissen, ob Michael doch noch das große Glück findet? Das erfahrt ihr in:

Dunkler Engel – Melodie der Nacht

 

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