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Kurzgeschichte: Wege aus der Finsternis

Ihr Lieben,

überbrückt die Zeit bis zur nächsten Buchneuerscheinung mit der Kurzgeschichte „Wege aus der Finsternis“, die thematisch zum Buch Dunkler Engel gehört. Lasst euch in Michaels düstere Zwischenwelt entführen und lest, wie es dazu kam, dass Michael die Träume der Menschen besucht … und schließlich aus diesem Grund ja später auf seine Karolina trifft!

 

Wege aus der Finsternis

Es war stockfinster um ihn herum. Ganz gleich, wohin er blickte, umgab ihn die Dunkelheit. Sie drohte, ihn zu erdrücken. Nahm ihn gefangen. Hielt ihn in ihrer Mitte fest, gab ihn nicht mehr frei. Manchmal glaubte er, dass sie ihn mit sich fort reißen wolle, hinab in unendliche Tiefen. Doch nichts passierte. Alles blieb wie es war. Stillstand. Die Finsternis schloss ihn ein, wollte ihn nicht mehr hergeben. Nie wieder. Hielt ihn fest. Für immer.

Diese Vorstellung raubte ihm schier die Luft zum Atmen, zwang ihn in die Knie. Der Knoten in seinem Innern zog sich immer weiter zu. Er wusste nicht, wie lange er das alles noch ertragen konnte, ohne den Verstand zu verlieren – ohne sich selbst zu verlieren. Was war das nur für eine Existenz? Die einzige Möglichkeit, ihr zu entkommen, war der Tod. Im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht sein Tod freilich, er wusste nicht, ob er überhaupt sterben konnte. Der Tod eines anderen. Die Seelen die hier landeten, wurden von der eisigen Finsternis begrüßt. Aber sie konnten fortgehen, an einen anderen Ort. Einen Ort voller Licht. Durch seine Hilfe. Er konnte ihnen Mut zusprechen  ihnen Hoffnung geben und sie retten. Für ihn indes war alle Hoffnung verloren. Schon seit einer Ewigkeit.

Michael hatte sich für das Dasein als Todesengel entschieden, ohne dass ihm tatsächlich bewusst gewesen war, was das bedeutete. Er hatte damals aus einem Pflichtgefühl heraus gehandelt, hatte sein Leben als Schutzengel aufgegeben, um einem Menschen im Tod zur Seite zu stehen. Claire. Inzwischen konnte er sich nur noch an ihren Namen erinnern. Ihr Aussehen, ihr Lächeln, ihre Stimme – all das war schon lange verblasst. Michael wusste, dass er sie geliebt hatte, aber auch an das Gefühl erinnerte er sich nur noch vage. Wie fühlte es sich an, geliebt zu werden? Wie fühlte es sich an, zu lieben? Mit jedem Tag stumpfte er mehr ab. Es kostete ihn so viel Kraft, sich selbst nicht aufzugeben und den winzig kleinen Funken Hoffnung zu bewahren, der tief verborgen in seinem Inneren schlummerte. Michael hatte Angst vor dem Augenblick, in welchem diese Hoffnung vollends erlöschen würde. Und obwohl er sich so quälte, bereute er seine Entscheidung nicht. Er war es in Gedanken unzählige Male durchgegangen, aber er hätte sich immer wieder so entschieden, auch wenn er gewusst hätte, was hier auf ihn wartete.

Trotzdem gab es Momente, in denen er sich fragte, wie sein Leben jetzt wohl aussehen würde, wenn alles anders gekommen wäre. Michael brauchte das, denn er hatte nicht mehr als seine Fantasie, um sich von hier wegzuträumen. So oft hatte er mit dem Gedanken gespielt, diese verdammten Regeln einfach zu brechen und sich in die Nähe der Menschen zu begeben. Aber er kannte die Geschichten, die sich die anderen Todesengel über die Strafen erzählten. Michael wollte sich das Leben hier nicht noch schwerer machen. Vielleicht würde er irgendwann den Mut finden, sich zu widersetzen. Es würde der Moment sein, in dem ihm die Konsequenzen seines Handelns völlig gleichgültig sein würden. Aber dieser Tag war nicht heute und auch morgen würde es noch nicht soweit sein.

Und so saß Michael einsam in der Dunkelheit, die Knie an sich gezogen. Ein Schauer lief durch seinen Körper, weil er fröstelte. Allerdings war es seine eigene innere Kälte, die ihn mehr ängstigte als je zuvor. Plötzlich fühlte er eine tröstende Hand auf seiner Schulter.

„Was ist los, Michael? Warum quälst du dich so?“, fragte Raphael mitleidsvoll und ließ sich neben ihm auf dem Boden nieder. In dieser erstickenden Dunkelheit, die alles Leben verschluckte, war Michael erleichtert über den Anblick seines Mitstreiters. Raphael war ihm von Anfang an ein guter Freund gewesen, was man von den anderen nur bedingt behaupten konnte. Hier schien jeder lieber seinen eigenen Weg zu gehen und das, obwohl sie in dieser unendlichen Nacht nur einander hatten.

Michael sah dem anderen in die Augen, die ebenso schwarz und seelenlos waren wie seine eigenen. „Ach Raphael …“, seufzte Michael und legte den Kopf schief. „Warte noch ein paar Jahre, dann hat mich dieser Ort hier vollkommen zerstört.“

Raphael konnte Michaels Verzweiflung spüren. Sicher, er hatte in den letzten Jahren immer wieder schlechte Phasen gehabt, aber dieses Mal schien es ihn besonders zu belasten. Über die Jahrtausende hatte Raphael einige Todesengel kommen und gehen sehen, aber Michael wollte er nicht verlieren, denn er war das Gute in Person. „Wie meinst du das?“, fragte er daher vorsichtig und wandte den Blick nicht von Michael ab.

„Du weißt genau, wie ich das meine“, antwortete Michael ruhig. „Ich stumpfe immer mehr ab. Nach und nach merke ich, wie mir der Tod eines Menschen immer weniger ausmacht. Ich habe Angst, dass ich meine eigene Seele verliere. Angst, dass ich irgendwann kein Mitgefühl mehr empfinde. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich nur noch emotionslos meine Arbeit verrichte und nichts mehr übrig ist von dem Michael, der ich einst war. Dann werde ich vergessen haben, was Liebe ist – wo ich doch heute schon vergessen habe, wie sie sich anfühlt! An diesem Tag werde ich mich selbst auch vergessen.“

Nach diesen Worten herrschte einen Augenblick lang Schweigen zwischen den beiden. Raphael wusste genau, wie Michael sich fühlte, denn auch er spürte diese Verzweiflung manchmal. Was Michael nicht wusste, war, dass er sich seine ganz eigene Möglichkeit geschaffen hatte, damit umzugehen, die sich jedoch am Rand des Verbotenen bewegte. Allerdings durfte er nicht offen darüber reden. Es war nicht direkt verboten, aber es wurde auch nicht gern gesehen. Schließlich sollte jeder Todesengel früher oder später lernen, sich seinem Schicksal ohne Wenn und Aber zu fügen. Und darin sollten sie sich gegenseitig unterstützen – nicht dabei, Ausflüchte zu finden. Aber es schmerzte Raphael, Michael so zu sehen. Er wollte ihm helfen, deswegen wählte er seine Worte mit Bedacht.

„Hör zu, Michael, es gibt immer Mittel und Wege, sich aus dieser Einsamkeit einen Weg zu bahnen. Du kannst etwas anderes finden, um dich daran festzuhalten.“

Michael zog fragend eine Augenbraue nach oben und Raphael merkte, dass er ihn nicht wirklich verstand. Raphael seufzte. So gern er Michael auch hatte, er würde ihm nichts von Marie und seinem magischen Buch erzählen, über das die beiden kommunizierten. Das war die Lücke, die er gefunden hatte. Und Raphael war sich sicher, dass dies nicht die einzige war. Aber er fürchtete sich davor, sein Geheimnis laut auszusprechen, weil er manchmal glaubte, dass die Dunkelheit Ohren hatte. Alleine der Gedanke, entdeckt zu werden, ließ sein Herz vor Nervosität schneller schlagen.

„Vertrau mir“, sagte er stattdessen. „Auch hier in der Zwischenwelt gibt es Grauzonen. Du musst nur ein bisschen danach suchen.“

Auf Michaels Gesicht formte sich ein zaghaftes Lächeln. Raphael schien mehr zu wissen und dieses Wissen teilte er gerade mit ihm. Er schenkte Michael Hoffnung, dafür war er ihm dankbar.

Plötzlich spürte Michael, wie etwas nach ihm rief. Es war wie ein Magnet, das ihn anzog. So war es immer, wenn eine Seele ihn brauchte. Er stieß hörbar die Luft aus und sah Raphael an. „Ich danke dir für alles, mein Freund. Doch jetzt muss ich los, eine Seele ruft nach mir.“

Raphael nickte. „Bis bald, Michael, und ich hoffe, dass du dein Licht wiederfindest.“

„Das hoffe ich auch.“

 ***

209Damit verschwand erst Raphael, dann Michael. Letzterer fand sich kurz darauf in einem geschmackvoll eingerichteten Schlafzimmer wieder. Vor ihm im Bett lag eine hübsche, noch recht junge Frau. Als ihre Seele ihren Körper verließ, spiegelte sich unendliche Trauer in ihren Augen.

„Nein“, flehte sie, als sie Michael sah. Sie schien zu verstehen, was gerade passierte – der Anblick des Todesengels war selbsterklärend. Wie eine übermächtige griechische Statue stand Michael ganz in Schwarz gekleidet vor ihr, seine dunklen Locken wehten verwegen in einem Wind, der gar nicht existierte. Es war die Bewegung zwischen den Dimensionen. „Ich kann ihn nicht alleine lassen, er ist noch so klein.“

„Es ist Zeit, wir müssen gehen. Lass los. Mach dir keine Sorgen, alles wird gut“, antwortete Michael sanft und streckte seine Hand aus, um die Frau zu berühren. Doch sie schreckte zurück. Zwar war Michael das schönste Wesen, das sie je in ihrem Leben gesehen hatte und seine Aura schien sie anzuziehen wie das Licht Motten anzieht. Doch ihr war klar, dass er sie für immer fortbringen würde – wohin auch immer.

„Er hat es nicht mit Absicht gemacht“, erklärte sie Michael verzweifelt, als würde es einen Unterschied für ihn machen. „Woher sollte er denn wissen, dass Nüsse einen allergischen Schock  bei mir auslösen? Er versteht das nicht – hast du denn kein Mitleid?“

„Es geht nicht um Mitleid oder Vergebung, Elise. Deine Zeit ist gekommen, daran kann ich nichts ändern. Ich bin nur hier, um dir den rechten Weg zu zeigen. Vertrau mir – gib mir einfach die Hand.“

„Wie soll er denn ohne mich zurechtkommen? Das wird bestimmt nicht leicht für ihn werden. Mein armer kleiner Tom!“

Plötzlich stürmte ein kleiner Junge ins Zimmer. Er blickte Michael erstaunt an und schien ihn von oben bis unten zu mustern. An den tiefschwarzen Augen des Todesengels blieb er fasziniert hängen. Einen Moment lang befürchtete Michael, dass Tom ihn wirklich wahrnehmen konnte – so wie es bei viel kleineren Kindern oder Tieren zuweilen vorkam. Doch dann fiel der Blick des Jungen auf seine Mutter, die regungslos im Bett lag, und er fing hemmungslos an zu weinen.

Das war für Michael der Augenblick, um zu gehen. Auch ihn schmerzte es mit jeder Faser seines Körpers, Tom hilflos beobachten zu müssen. Doch er war gleichzeitig erleichtert, dass er sich nach den vielen Jahren der Dunkelheit immer noch nicht daran gewöhnt hatte, andere Leiden zu sehen – wenngleich es ihm weniger ausmachte als früher. Schnell griff er nach Elises Hand und zog sie fort, nahm sie mit in die Dunkelheit, um ihr von hier aus den richtigen Weg zu zeigen.

Als Elise erlöst war, beschloss Michael, Raphaels Rat zu folgen und sich sobald wie möglich auf die Suche nach einer Lücke zwischen den Welten zu machen. Länger konnte er das alles einfach nicht mehr ertragen. Er spielte mit dem Gedanken, sich die nächtlichen Träume der Menschen anzusehen – das konnte unmöglich verboten sein. Und es würde ihn am Leben teilhaben lassen, auf die eine oder andere Weise. Dabei ahnte er nicht, dass die heutige Begegnung mit Tom Edwards sein Leben für immer verändern würde.

ENDE

Hinweis: Diese Kurzgeschichte gehört thematisch zum Buch “Dunkler Engel – Melodie der Nacht”, das als E-Book bei Amazon und unter ISBN-13 978-3-7380-0032-0 für 2,99 Euro überall im Online-Buchhandel erhältlich ist.

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